Wolfsbeobachter brauchen nur ins sankt-gallische Vättis zu fahren: Dort schleichen die Wölfe nachts durchs Dorf. Eine Frau schaute einem Alphawolf direkt in die leuchtenden Augen

von Roland Schäfli

Vättis 01.09.2014 - Domenica Kohler kam nachts vom Ausgang nach Hause, als sie den Wolf plötzlich vor sich hatte. Er stand unbeweglich hinter einem Auto. Eine Schrecksekunde später konnte sie die Haustür hinter sich schliessen.

In Vättis machen derzeit mehr als eine solche Geschichte von Wolfssichtungen die Runde. Genug, damit Gemeindepräsident Ferdinand Riederer den eidgenössischen Jagdinspektor ins Dorf rief, um ihn direkt auf mögliche Gefahren aufmerksam zu machen. «Ich kann gut nachvollziehen, dass Eltern ein mulmiges Gefühl haben», sagt Riederer. Tatsächlich holen besorgte Eltern ihre Kinder bei Einbruch der Nacht von der Strasse. Jetzt erwartet der Gemeindepräsident Lösungen, das Rudel vom Dorf fernzuhalten.

Spuren nächtlicher Streifzüge

Manchmal sieht man nur ihre Spuren in Dorfnähe, findet Wolfskot oder einen ausgeräumten Komposteimer, aber immer öfter zeigen sich die Wölfe den Menschen auch ganz furchtlos. «Jede zweite Nacht sieht man sie schon. Es müssen rund 20 Wölfe sein», schimpft Ernst Leuener, ein Pächter im Calanda-Gebiet, «man kann uns doch nicht weismachen, dass die alle eingewandert sind!»

Wildhüter Rolf Wildhaber kann insgesamt sieben Wölfe belegen: zwei Alphawölfe mit drei Jungtieren, und in die jüngsten Fotofallen tappten auch noch zwei weitere, jüngere Wölfe. Ein deutscher Urlauber filmte im August am helllichten Tag zwei Wölfe, die sich, von Menschen vollkommen unbeeindruckt, am Dorfeingang herumtrieben.

«Wölfe können Interesse an der Paarung mit einem Hund zeigen»

Eine ältere Bewohnerin erklärt gegenüber 20 Minuten, sie habe schon drei Wolfsbegegnungen hinter sich. Zuletzt brach ein Wolf aus dem Dickicht, als sie mit dem Hund spazieren ging. Auf eigentümliche Weise folgte der Wolf dem Hund für eine Weile. Der Wildhüter kann das erklären: «Junge Wölfe können Interesse an der Paarung mit einem läufigen Hund zeigen.» Für Alphatiere hingegen ist der Hund ein Eindringling in «ihrem» Revier.

Jüngst wurde gleich ausserhalb von Vättis ein Opfer der Wolfsbande gefunden: Sie brachten einen 70-Kilo-Hirschen zur Strecke. Im Dorf wird ein Formular zum Beitritt einer Vereinigung herumgereicht, die sich für «Lebensräume ohne Grossraubtiere» einsetzen will. Und so erzählt man sich in Vättis, dass die Mitgliedergebühr von 50 Franken dafür bestimmt wäre, Bussen für widerrechtliche Abschüsse zu begleichen.

Umdrehen und sich entfernen

Dass man nicht zuwarten mag, bis wirklich etwas geschieht, machen die Aussagen besorgter Einwohner gegenüber 20 Minuten klar. Der Wildhüter bestätigt, dass die Tendenz der Sichtungen zunimmt. Er weiss, was das Rudel in Vättis will: Leicht verdiente Nahrung. Hunde- und Katzenfutter, das in Tellern vor Türen steht, ja selbst die Nachgeburt der Kuh, vom Bauer auf den Miststock geworfen, lockt den Aasfresser an, der im Menschen keine Bedrohung mehr erkenne.

In den nächsten Tagen sind zwei Info-Veranstaltungen vorgesehen, an denen die Wildhüter Stellung nehmen und der Bevölkerung Ratschläge fürs Verhalten bei der unverhofften Begegnung mit dem Wolf geben: Am besten umdrehen und sich rasch entfernen, jedoch nicht rennen!

Quelle: http://www.20min.ch/schweiz/news/story/Um-Mitternacht-starrte-der-Wolf-sie-an-28884986

 

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