Traktandenliste:

  • 1. Begrüssung
  • 2. Wahl des Stimmenzählers
  • 3. Annahme der Traktandenliste
  • 4. Annahme des Protokolls der GV vom 21. Februar 2020
  • 5. Bericht des Präsidenten
  • 6. Kassenbericht
  • 7. Revisorenbericht
  • 8. Rücktritte/Wahlen
  • 9. Budget 2021
  • 10. Neue Positionierung / Namensänderung
  • 11. Statutenrevision
  • 12. Festsetzung des Jahresbeitrages 2022
  • 13. Vorgesehene Aktivitäten 2021 - 2022
  • 14. Diverses
  • 15. Referate zu aktuellen Themen in Bezug auf Grossraubtiere

1. Begrüssung

Um 19.30 Uhr begrüsst der Präsident Rico Calcagnini die Anwesenden, die heute in der Arena Cazis an der Generalversammlung unseres Vereins teilnehmen.

2. Wahl des Stimmenzählers

Als Stimmenzähler wurde einstimmig Werner Wyss gewählt.

3. Annahme der Traktandenliste

Wird einstimmig angenommen

4. Annahme des Protokolls der 8. GV vom 21.2.2020

Das Protokoll der GV vom 21.2.2020 in Sfazù wird einstimmig genehmigt, mit einem Dank dem Protokollführer.

5. Bericht des Präsidenten

Der Bericht war der Einladung zur GV 2021 beigelegt worden und wird ausnahmslos angenommen.

6. Kassenbericht

Der Bericht wird der Versammlung vom Kassier Zeno Bontognali vorgestellt. Eine beträchtliche Summe von fast 7000 CHF wurde unserem Dachverband «Lebensraum Schweiz ohne Grossraubtiere» überwiesen (15.- CHF für jedes Mitglied) und dient der Finanzierung der Geschäftsstelle in Bern. Ein herzlicher Dank an Zeno für die sorgfältige Kassenführung.

7. Revisorenbericht

In Abwesenheit der Revisoren wird der Bericht vom Mitglied Nadir Pedretti vorgelesen. Alle Belege sind i.O. Die Vereinsrechnung wird einstimmig angenommen.

8. Rücktritte/Wahlen

Es liegen keine Rücktritte vor. Die Versammlung wählt für die nächsten vier Jahre einstimmig Paola Bontognali, Zeno Bontognali (Kassier), Mario Costa (Aktuar), Livio Luigi Crameri, Hans Russi und Hans Wyss in den Vorstand. Ebenfalls einstimmig werden Otto Denoth als Vizepräsident, Rico Calcagnini als Präsident, sowie Edgardo Marchesi und Gildo Crameri als Revisoren gewählt.

9. Budget 2021

Das Budget 2021 beläuft sich im Rahmen der Rechnung 2020 und wird einstimmig übernommen.

10. Neue Positionierung / Namensänderung

Der Name des Vereins mit dem Wort «ohne» wird in verschiedenen Kreisen missbilligt. So heißt es zum Beispiel, dass der Verein die Grossraubtiere ausrotten will oder dass er sich ausserhalb der Legalität bewegt.

Darüber hinaus hat die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB) aus taktischen Gründen der Geschäftsstelle unseres Dachvereins gekündigt. Diese wird jedoch derzeit vom gleichen Geschäftsleiter in privater Funktion weitergeführt.

Auf diese Weise wird die wertvolle Arbeit auf nationaler Ebene und die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen die am Widerstand gegen die unkontrollierte Ausbreitung von Großraubtieren teilnehmen sichergestellt.

Der Vorstand schlägt daher die folgende Namensänderung vor:

• Associazione grigionese per la protezione del territorio dai grandi predatori (AGPTdaiGP).

• Bündner Verein zum Schutz der ländlichen Lebensräume vor Grossraubtieren (BVSvorGRT)

• Associaziun grischuna per la protecziun dal territori cunter animals da rapina gronds (AGPTcunterARG).

Auch wenn die Namen etwas lang sind, ist die grosse Mehrheit der Mitglieder mit 2 Gegenstimmen und 3 Enthaltungen damit einverstanden.

11. Statutenrevision

• Die Implementierung des neuen Namens in die Statuten wird von der grossen Mehrheit der Mitglieder mit 2 Gegenstimmen und 3 Enthaltungen genehmigt (Art. 1 und Art. 18).

• Der Verzicht auf einen zweiten Vizepräsidenten wird einstimmig angenommen. (Art. 8).

12. Festsetzung des Jahresbeitrages 2022

Die Versammlung stimmt einstimmig für die Belassung der jährlichen Mitgliederbeiträge auf CHF 30.00 für Einzelmitglieder und CHF 100.00 für Kollektivmitglieder.

13. Vorgesehene Aktivitäten 2021 - 2022

Druck des überarbeiteten Prospektes mit dem neuen Namen und dessen Verbreitung, um neue Mitglieder zu gewinnen. Verschiedene Informationsveranstaltungen und Stellungnahmen zugunsten von bäuerlichen und touristischen Aktivitäten. Internationale Zusammenarbeit.

14. Diverses

• Immer mehr Tiere fallen Wolfsangriffen zum Opfer, doch die Berichterstattung in den Medien ist unzureichend und oft wenig objektiv. Ein großes Problem ist die einseitige Propaganda von Tier- und Naturschutzorganisationen (z.B. Pro Natura und WWF).

• Im Namen der Dachorganisation «Lebensraum Schweiz ohne Grossraubtiere» wird Hermi Plump für seine treue Arbeit während vier Jahren im Berner Vorstand gedankt.

15. Referate zu aktuellen Themen

Da der vorgesehene Vortrag von Georges Stoffel im letzten Moment abgesagt werden musste, führte der Präsident der Bündner Bauern Thomas Roffler eine interessante Fragestunde im Dialog mit den Anwesenden durch und verdiente sich damit einen grossen Applaus und ein kleines Geschenk.

Zum Abschluss:

Ein Getränk und ein Nussgipfel wurden von unserem Verein offeriert. Der Präsident Rico Calcagnini bedankt sich für das zahlreiche Erscheinen. Unser Präsident erhält noch ein Dankeschön für die tadellose Durchführung der Versammlung.

22.05 Ende der Sitzung

Für das Protokoll Mario Costa

Das Bündner Amt für Jagd und Fischerei AJF publizierte Ende März den Jahresbericht Wolf 2020; ausführlich und mit vielen interessanten Informationen wird über die laufende Wiederansiedlung dieser Raubtiere in Graubünden berichtet.


Besonders auffallend sind die Verdoppelung der Wolfpopulation auf geschätzte 50 Tiere im letzten Jahr und die katastrophale Zunahme der Nutztierrisse auf etwa 260: Erstmalig wurde ein erwachsener Esel und ein Kalb gerissen, sowie weitere neun Kälber vom Wolf angefressen. Diese Zahlen müssten die kantonalen und eidgenössischen Behörden in höchste Alarmbereitschaft versetzen. Angesagt wären unbürokratische Notmassnahmen, um diese unheilvolle Entwicklung zu stoppen.


Die «Vereinigung Lebensräume ohne Grossraubtiere GR» hatte mit der Unterstützung weiterer vier bäuerlicher Institutionen bereits im Mai 2019 mit einer Veranstaltung in der Arena Cazis vor einem Publikum von über 300 Personen vor einer solchen Entwicklung gewarnt und eine entsprechende Resolution zuhanden der Bundesrätin Simonetta Sommaruga und dem Direktor des Bundesamtes für Umwelt Marc Chardonnens mit den folgenden Forderungen verabschiedet:

  1. «Der in der Berner-Konvention formulierte «strenge Schutz» des Wolfes ist auf «geschützt» zu senken oder die Konvention ist allenfalls zu kündigen, wie es die Motion Fournier verlangt.
  2. Wir verlangen eine griffige Gesetzgebung zum Schutz von Tier und Mensch vor Grossraubtier-Angriffen. Das Risiko allfälliger Unfälle mit Menschen und die Qualen der gerissenen Tiere sind nicht länger hinzunehmen.
  3. Die Kompetenz zur Regulierung der Wolfspopulationen soll an die Kantone übergeben werden.
  4. Die Kommunikation der Ämter mit der betroffenen Bevölkerung und den Tierhaltern soll schnell und effizient erfolgen.
  5. Die Kosten eines effizienten Herdenschutzes sind vom Bund zu übernehmen.
  6. Die Zukunft der Biodiversität im Alpenraum muss sichergestellt und die Vergandung der Alpweiden verhindert werden.»
  7. Bisher unternahmen die zuständigen Behörden nichts wirklich Wirksames zur Entschärfung der Situation. Am 27. September 2020 lehnte das Stimmvolk das Jagdgesetz zwar mit 51,9% Neinstimmen knapp ab, aber der gesetzliche Spielraum wurde bis heute nicht ausgenutzt, um pragmatische Lösungen umzusetzen.
    Nun werden die Nutztiere bald auf Heimweiden, Maiensässe und später auf die Alpen gebracht und die Bauern werden wiederum in ständiger Angst vor einem Wolfangriff schlaflose Nächte verbringen.

Sie fragen sich bereits heute, wieviele Wölfe werden wir Ende Jahr haben? Wieviele unserer Tiere werden vom Wolf getötet, verletzt oder in Abgründe gejagt? Wieviele Wölfe werden in die Nähe von Siedlungen nach Nahrung suchen, ohne Angst vor den Menschen? Wieviel zusätzlicher Aufwand wird zu leisten sein? …
Die rasante Zunahme der Wölfe wird durch immer mehr verstörte Mutterkühe und aggressive Herdenschutzhunde ganze Regionen unsicher machen und sich somit negativ auf den Tourismus auswirken.


Und wenn im Bericht des AJF steht, dass «die rasche Bestandesentwicklung des Wolfs in unserer Kulturlandschaft aus Sicht der Artenvielfalt und Ökologie faszinierend ist», muss diese Aussage als kurzsichtig und zynisch bezeichnet werden: Wenn sich der Wolf mit dieser Geschwindigkeit weiter ausbreitet, werden immer weniger Weiden bewirtschaftet und weite Teile der Alpen werden verbuschen und verganden, mit einem immensen Schaden für die Biodiversität, die Berglandwirtschaft und für den Tourismus. Die Fauna wird zwar um eine Art reicher, aber die Bergbauern werden die Gebiete verlassen und die Bergflora wird verarmen.


Vereinigung Lebensräume ohne Grosssraubtiere/GR, Rico Calcagnini, Präsident

Pressemitteilung Poschiavo, 27. September 2020

Die knappe Ablehnung des revidierten Jagdgesetzes ist für uns von der Vereinigung Lebensräume ohne Grossraubtiere-Graubünden enttäuschend. Dass es aber in kurzer Zeit und trotz einer millionenschweren Nein-Propaganda gelungen ist, sehr viele Menschen auch in urbanen Regionen für die Problematik zu sensibilisieren ist beachtlich und wird eine Wirkung zeigen. Die rasant steigende Anzahl von Wolfsrudeln ist eine immense Belastung für die betroffenen Nutztierhalter und für eine Minderheit, die in den Bergregionen lebt und arbeitet.

Wir werden uns daher auch in Zukunft für den Erhalt und die Weiterentwicklung der Alp-und Berglandwirtschaft, für die Biodiversität und die Sicherheit von Tieren, Landschaften und Menschen einsetzen. Es darf nicht sein, dass die Grossraubtiere überhand nehmen, die Bergbauern verdrängt werden und die gepflegten Alpweiden zuwachsen und verganden.

Wir bedanken uns bei den Bürgerinnen und Bürgern, die sich mit den Sorgen der Bergbevölkerung solidarisch zeigten und sich für das revidierte Jagdgesetz an der Urne mit einem Ja beteiligt haben. Auf sie können wir zählen und uns mit Zuversicht weiterhin für eine gesunde Alpwirtschaft, für das Wohl von Menschen und Tieren einsetzen.

Für den Vorstand der Vereinigung Lebensräume ohne Grossraubtiere-Graubünden

Rico Calcagnini Präsident

Mario Costa Aktuar

Weil der Wolf sich immer weiter ausbreitet, brodelt es in den Bündner Tälern, und über allem steht eine grosse Frage: wie viel Wildheit verträgt das Land?

von Dominic Wirth

Älpler Willi Illien auf der Alp Tomül.

Bilder: Alex Spichale

Irgendwo da oben treiben sie sich herum. Streifen um die Felsen. Stellen sich ab und zu auf einen Grat, um ihn und seine Tiere zu beobachten. «Die Wölfe haben uns im Auge, ganz sicher», sagt Willi Illien und lässt den Blick schweifen, zu Berggipfeln und grüne Weiden, auf denen sich weisse Punkte tummeln. Der Wolf lässt dem Älpler keine Ruhe, Tag und Nacht denkt er an ihn. Und wenn er doch einmal Schlaf findet, dann wacht er bald wieder auf, obwohl er doch eigentlich so müde ist. So unglaublich müde.

Seit 27 Jahren schon kommt Willi Illien jeden Sommer auf die Alp Tomül, sie liegt in den Bündner Alpen, 2179 Meter über Meer, am Übergang vom Safien- ins Valsertal.

Hier treibt der Wolf sein Unwesen.

Zwei Ställe aus altem Stein, eine Hütte mit einer kleinen Küche und einem Wohnzimmer: das ist das Reich von Illien und seiner Frau, von Juni bis September. "So kann es nicht weitergehen", meint Illien. Er sagt, seine Alp sei die schönste im ganzen Kanton. Aber er sagt auch, so wie jetzt könne es nicht weitergehen.

In der Surselva ist es ein Sommer wie kein anderer

Die Alp Tomül steht in einem kleinen Talkessel, grüne Weiden umrahmen sie und steile Felswände; über den Talboden zieht sich ein Bach. Vor ein paar Tagen klebte dichter Nebel über der Alp. Es war Nachmittag, gegen 16.30 Uhr, als es wieder passierte: ein totes Schaf auf der Weide, der Körper aufgerissen. Der Wolf, eindeutig. Bald fand Illien noch zwei weitere Tiere, am Leben zwar, aber schwer verletzt. Das eine mit tiefen Wunden in den Hinterbeinen. Das andere mit Bissspuren am Ohr.

Wenn die Bauern im Juni ihre Tiere Willi Illien anvertrauen, damit der sie über den Sommer auf die Alp bringt, dann werden diese Kühe und Schafe für ein paar Monate zu seinen Tieren. Der 68-Jährige will sie beschützen. Und wieder heil ins Tal zu bringen. 450 Schafe waren es dieses Jahr.

195 Rinder und Kälber hat er dieses Jahr über die steilen Pfade auf die Alp getrieben und 450 Schafe. Doch wenn er sich im Herbst auf den Weg zurück ins Tal macht, werden es weniger sein. 30 Schafe habe der Wolf ihm dieses Jahr schon genommen, sagt Illien - trotz der zwei Herdenschutzhunde, welche die Tiere beschützen sollen. So viele Schafe wie heuer hat Illien in all seinen Jahren auf der Alp Tomül zuvor zusammen nicht verloren.

Er trägt schwere Schuhe, ein Feldstecher hängt über der Schulter. Seine Haut ist sonnenverbrannt, der Bart lang und struppig. Illien ist ein rauer Mann, wenn er verärgert ist, schimpft er mit Menschen und Tieren. Aber wenn er über die Schafe spricht, die er heuer verloren hat, dann bricht seine Stimme. Dann hält er die Hand vors Gesicht, um die wässrigen Augen zu verbergen.

In all den vielen Jahren war der Wolf nie ein Thema für Illien. Doch nun prägt das Tier sein Leben, wühlt ihn auf. «Einen Sommer wie diesen habe ich noch nie erlebt», sagt er. Und das gilt nicht nur für ihn. Sondern auch für viele andere Bündner Bauern und Hirten. Denn die Zahl der Wölfe steigt im Kanton gerade rasant an. Christa Buchi ist die Präsidentin des kantonalen Älplervereins. «Wir sind angespannt und verunsichert», sagt sie.

Die Einstellung zum Wolf verändert sich

Keinen anderen Kanton hält der Wolf derzeit so in Atem wie Graubünden. Besonders gilt das für die Menschen in der Surselva, wo auch die Alp Tomül liegt. Martin Candinas, der Bündner CVP-Nationalrat, kennt die Gegend gut; er ist dort aufgewachsen und bis heute eng mit ihr verbunden.

Martin Candinas, Bündner CVP-Nationalrat

Der Wolf sei ein riesiges Problem, sagt Candinas Er treibe die Leute aktuell gleich um wie Corona. Und fügt an, das solle aber nicht so verstanden werden, dass man das Virus nicht ernst nehme.

Wenn die Schweizer Bevölkerung Ende September über das neue Jagdgesetz abstimmt, das einen anderen Umgang mit dem Wolf vorsieht, dann geht es für viele Menschen in der Surselva und in anderen Berggebieten auch darum, wie ernst man unten in den Städten ihre Sorgen nimmt.

Auf Facebook gibt es seit Anfang Jahr eine Gruppe, die sich «Surselva Wolf» nennt, Mitgliederzahl aktuell: 1534. «Medel Lucmagn, Alp Gannaretsch: 6 Schafe durch Wolf gerissen», steht dort zum Beispiel; es ist einer von vielen solchen Einträgen. «Wo führt das noch hin», hat darunter jemand geschrieben. Die Gruppe ist entstanden, weil die Menschen in der Region sich lieber gegenseitig informieren, statt auf Behörden und Medien zu vertrauen. Das zeigt, wie es in der Surselva gerade zu und hergeht.

Natürlich denken lange nicht alle in Graubünden so. Und doch ist etwas in Bewegung geraten. Den Wolf hat man im Bündnerland lange weniger feindselig betrachtet als im Wallis. Dort liess ein Nationalratskandidat schon 2015 den Slogan «Für ein Wallis ohne Wolf» auf sein Wahlplakat drucken. Die Bündner waren da lange gelassener, doch nun brodelt es im Kanton. Ein altes Bild flammt da und dort wieder auf: das des bösen Wolfs - ein wenig so, wie es im Märchen von Rotkäppchen transportiert wird. Und über allem schwebt eine grosse Frage, die für das ganze Land von Belang ist: Wie wild soll die Schweiz noch sein? Und was ist uns das wert?

Die schwierige Aufgabe des Wolfsmanagers

Der Weg von der Alp Tomül bis in die Kantonshauptstadt Chur ist weit, zwei Stunden zu Fuss, dann noch eine mit dem Auto. Dort sitzt Adrian Arquint in seinem Büro. An den Wänden hängen Zeichnungen von Gemsen und Steinböcken. Doch es ist der Wolf, der gerade Arquints Arbeitstage taktet.

Der 49-Jährige leitet das Bündner Amt für Jagd und Fischerei, und wahrscheinlich gibt es gerade im ganzen Kanton keinen undankbareren Job. Arquint ist der Mann, der den Wolf managen soll. Und das ist in diesem Jahr zu einer riesigen Aufgabe geworden. Vor zwei Wochen entdeckten Wildhüter im Albulatal ein weiteres Rudel; es ist das siebte insgesamt im Kanton und das dritte neue allein in diesem Jahr.

Als der Wolf in den 1990-Jahren nach über 100 Jahren wieder nach Graubünden zurückkehrte, glaubten die Behörden zuerst nicht, dass der Wolf bleiben wird. Und schon gar nicht, dass sich neue Rudel bilden würden in diesem Gebiet, das zuweilen wild und abgelegen wirkt, vom Menschen aber sehr intensiv genutzt wird. Heute sind im Kanton rund 60 Wölfe unterwegs, wenn man die Welpen mit einrechnet.

Vielleicht auch mehr. So genau kann das niemand sagen, selbst Adrian Arquint, der Wolfsmanager, nicht. «Wir wissen nicht alles, das geht auch gar nicht, wir haben es schliesslich mit einem scheuen, sehr anpassungsfähigen Wildtier zu tun», sagt er.

Nachts ist der Wolf gerne unterwegs.

Die meisten Wölfe leben in der Surselva. Amtsleiter Arquint sagt, es handle sich um eine «völlig neue, einzigartige Entwicklung: der Wolf im kleinräumigen, strukturierten Raum, damit kennen wir uns noch nicht aus», sagt er. Die Region ist zu einem gewaltigen Freiluftlabor geworden. Die Bedürfnisse von Älplern, Bauern, Touristen prallen auf die eines wilden Tiers, das lange fast vollständig aus dem Land verschwunden war.

Adrian Arquint erlebt gerade, wie viel Zündstoff das birgt. «Die aktuelle Situation mit der schnellen Zunahme der Wolfspopulation ist schwierig und überfordert Landwirte und Gemeinden», sagt er. Er stellt fest, dass die Bereitschaft, mit dem Wolf zusammenleben, in Graubünden sinkt. Und er glaubt, dass diese Entwicklung auch in anderen Teilen der Schweiz bevorsteht, wenn der Wolf sich dort verbreitet.

Wie weiter also? Für Adrian Arquint ist klar: Kantone, in denen der Wolf sich ausbreitet, brauchen bessere Instrumente, um das Zusammenleben zu steuern. Damit meint der Amtsleiter auch die Möglichkeit, bei Wölfen mit problematischen Verhalten schneller eingreifen und den Wolfsbestand regulieren zu können.

Das neue Jagdgesetz sieht diese Möglichkeit vor. Unter bestimmten Bedingungen dürften die Kantone dann früher eingreifen und Wolfsrudel schon dann verkleinern, wenn Schaden erst droht - und nicht bereits entstanden ist. «Der Wolf darf sich nicht zu stark an den Menschen gewöhnen. Das können wir mit gezielten Eingriffen sicherstellen», sagt Arquint. Es gehe dabei keinesfalls darum, den Wolf auszurotten – sondern darum, die Bestände zu kontrollieren.

Beim Herdenschutz neue Wege gehen

Als das Jagdgesetz im Parlament behandelt wurde, gehörte Silva Semadeni zu jenen, die es am energischsten bekämpften.

Silva Semadeni kämpft seit Jahren für den Naturschutz (Stahl Photographie Gmbh / stahlphoto.ch)

Bis letztes Jahr sass Semadeni für die SP im Nationalrat. Ihr wichtigstes Thema war stets der Naturschutz; 16 Jahre lang stand sie an der Spitze von Pro Natura. Auch jetzt, mit 68 Jahren, treibt die Bündnerin das Thema noch um.

Semadeni sagt, es tue ihr sehr leid, was Älpler Illien auf der Alp Tomül widerfahren sei. Aber vom neuen Jagdgesetz hält sie nichts. Es gab eine Zeit, in welcher der Wolf in die Schweiz mit aller Macht verfolgt wurde, mit Gewehren, mit Fallen und Giften. Ende des 19. Jahrhunderts war er ausgerottet. Semadeni sagt, das neue Gesetz sei das Machwerk jener, die sich diese Schweiz ohne grosse Raubtiere zurückwünschen. Der Weg, den sie einschlagen will, ist ein anderer. «Es stört mich, wenn alles, was den Menschen stört, weg muss», sagt sie. Das sei ein rückwärtsgewandtes, nur auf Nutzung getrimmtes Verständnis von Natur, ohne Rücksicht auf die Artenvielfalt.

Semadeni ist im Puschlav aufgewachsen, ihre Eltern hatten einen kleinen Bauernhof. Im Sommer wurde die Schafherde in die Berge getrieben. Und dann bis im Herbst alleine gelassen. Das, sagt Semadeni, gehe nun, da der Wolf zurück sei, nicht mehr.

Was sie mit der Anekdote sagen will: der Mensch muss den Wolf nicht zurückdrängen. Sondern einen Weg finden, sich mit ihm zu arrangieren. Und dieser Weg besteht für die ehemalige Politikerin darin, den Herdenschutz weiter auszubauen. Mit Zäunen, mit Herdenschutzhunden, «und wenn nötig mit noch mehr Unterstützung», sagt sie. Dass pro Wolf immer weniger Nutztiere gerissen werden, ist für sie ein Beweis dafür, dass Herdenschutz funktioniert – wenn er denn richtig gemacht wird.

Die Drohung der Älpler

Auf der Alp Tomül hat Willi Illien einen Teil seiner Schafe neben den Ställen eingepfercht, um sie vor dem Wolf zu schützen.

Der Herdenschutz wurde ausgebaut.

Die andere, zweite Herde, die immer noch unter dem Berggipfeln auf der Weide grast, zäunt er jetzt besser ein. Er hat den Herdenschutz ausgebaut. Sechs Stunden arbeitet er dafür jeden Tag zusätzlich. Wenn der 68-Jährige über die Weiden geht, zieht er ein Bein nach. Die weiten Wege, die er nun zusätzlich über Stock und Stein gehen muss, zehren an seinem Körper.

Illien sagt, er tue, was er könne, um seine Tiere zu schützen. Aber irgendwann werde der Aufwand zu gross, «und dann gehe ich lieber nicht mehr auf die Alp». Es ist eine Warnung, die man auch als Drohung verstehen kann und die gerade viele Älpler formulieren: dass der Wolf die Alpwirtschaft bedrohe, diese jahrhundertealte Schweizer Tradition. Und dass die Alpen bald verwaisten, die Weiden vergandeten, wenn es so weitergehe.

Illien hofft auf ein Ja zum neuen Jagdgesetz. Und erwartet von den Behörden, dass sie dem Wolf dann auf den Pelz rücken, «und zwar rigoros». Es ist ein Vorgeschmack darauf, wie gross der Druck auf die kantonalen Behörden werden dürfte, wenn sie den Umgang mit dem Wolf selbst regeln können.

Illien ist müde, und er ist auch wütend. Wütend auf die Behörden, die ihm zu wenig helfen. Wütend auf die Politiker, die ihn zu wenig ernst nehmen. Wütend auf die Menschen im Unterland, die nur an den Wolf denken – und nicht an Leute wie ihn, die tatsächlich mit ihm leben müssen. Wütend auf den Wolf, der seine Schafe reisst. Und sie dann liegenlässt, statt sie zu fressen. Er sagt, ein Jahr wie dieses schaffe er nicht noch einmal. Es gibt für ihn nur eine Lösung: Entweder der Wolf. Oder er.

 

Am 27. September 2020 werden wir über die Zukunft der Jagd abstimmen. Verschiedene Tier- und Naturschutzorganisationen haben gegen das revidierte Jagdgesetz das Referendum ergriffen. Wir vom Komitee Pro Jagdgesetz sind vom neuen Gesetz überzeugt: Es schafft mehr Sicherheit für Tier, Natur und Mensch , fördert die Artenvielfalt, verstärkt den Schutz der Kulturlandschaft und ermöglicht die Pflege der Jagd auf fortschrittliche Art und Weise.

Wir werden die Abstimmung über das neue Jagdgesetz aber nur gewinnen, wenn möglichst viele sich dafür einsetzen. Auch Ihr Engagement ist wichtig: Helfen Sie uns im Kampf für ein fortschrittliches Jagdgesetz mit mehr Sicherheit für Tier, Natur und Mensch.

Unterstützen Sie die Kampagne von JagdSchweiz, dem Schweizer Bauernverband und der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete.

 

Beitragsaufrufe
1470294

Aktuell sind 38 Gäste und keine Mitglieder online