Italien 2014: Die dringendste Herausforderung ist die wirtschaftliche Erholung,
aber die wichtigste ist die Wahrung der Freiheit

von Robi Ronza*

Von den Herausforderungen die uns im neuen Jahr bevorstehen, ist die internationale Wirtschaftskrise, die sich in Italien in beträchtlichem Mass bemerkbar macht (auch wenn es anderen Ländern schlechter ergeht) die dringendste. Es gibt allerdings eine noch bedeutendere, wenn auch weniger auffällige Herausforderung: Es geht um die Zunahme neuer Formen von Autoritarismus, nicht so unverfroren wie jene die während der Dreissigerjahre des letzten Jahrhunderts in Europa grassierten, aber in ihrer Substanz nicht weniger aggressiv und gegen die Freiheit gerichtet. Diese Gefahr besteht in Italien und generell im Gebiet der EU, ist aber auch anderswo im Westen erkennbar. Und die Schweiz ist meines Erachtens nicht automatisch immun dagegen.

Robi Ronza

Es stimmt nicht, dass die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft im Gleichschritt mit dem Übergang von einer Diktatur zu einer Demokratie verläuft, also von der Unterwerfung hin zur Freiheit. Den frühen Demokratien der antiken griechischen Städte folgten die Tyranneien, den mittelalterlichen Gemeinden die Herrschaften; und auf die liberalen Demokratien die sich zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert etablierten, folgten in Europa die furchtbaren Diktaturen der Dreissigerjahre des vorigen Jahrhunderts. Heute zeichnet sich offensichtlich das Risiko einer neuen autoritären Zeit ab. Elitäre Kreise fordern, dem Volk immer mehr Eigenständigkeit zu entziehen und dies im Namen eines Relativismus, der keine Unterscheidung mehr zwischen wahr und unwahr, gut und böse, richtig und falsch kennt. Nicht nur das, sondern jeder der etwas «pro veritate» behauptet, d.h. einen Sachverhalt als wahr und für alle gültig erklärt, selbst als Feind der Freiheit und des sozialen Friedens betrachtet wird, der den anderen seine Überzeugung aufdrängen will und der diejenigen ablehnt, die nicht gleicher Meinung sind. Es spielt gar keine Rolle, dass er nichts aufdrängen will und niemanden ablehnt. Es ist ganz klar ein Verräter, der denjenigen der eine andere Meinung vertritt, verachtet, unabhängig von seiner Absicht und seinem Verhalten. Daraus folgt, dass das Volk nicht mehr berechtigt ist, an einem Prinzip festzuhalten, aus welchem klare Entscheidungen erwachsen können: Jeder kann alles machen, besser noch, alle haben das Recht auf alles. Wenn das Volk nicht einverstanden ist, irrt es; und wer die Macht hat und aufgeklärt ist, muss es korrigieren. Kraft dieser Forderung haben zum Beispiel Gerichte in den Vereinigten Staaten das Resultat von Referenden für nichtig erklärt.

Wir bleiben aber momentan in Italien, oder im grösseren Rahmen der EU. Es lohnt sich zwei Bereiche zu untersuchen die, gerade weil sie so unterschiedlich sind, als beweisendes «Lackmuspapier» für den Druck dieser neo-autoritären Kultur betrachtet werden können. Wir beziehen uns auf den Umgang mit dem Problem der Homosexuellen, der Bisexuellen und der Transsexuellen (die sogenannten «LGBT-Personen») und anderseits auf die Wiedereinführung der Grossraubtiere, d.h. der Wölfe, der Bären und anderer Raubtiere im Gebiet der Alpen und allgemein in Bergregionen oder in schwach besiedelten Gebieten. Kürzlich ist der «Dipartimento per le Pari Opportunità della Presidenza del Consiglio dei Ministri»

(Gleichberechtigungsdepartement) auf die Idee gekommen, das Dokument «Linee guida per un’informazione rispettosa delle persone LGBT» (Leitlinien für eine respektvolle Information bezüglich der LGBT-Personen) zu publizieren. Es handelt sich offensichtlich um eine Initiative, die an sich bereits gegen die Freiheit gerichtet ist: Denn es steht nicht in der Macht der Regierung, Leitlinien zu erarbeiten, welche das verfassungsmässige Prinzip der Meinungs- und Pressefreiheit direkt verletzen. Die detaillierte Betrachtung des Dokuments, das auf der Home-Page des «Dipartimento delle Pari Opportunità» zu finden ist, kann nur Entsetzen hervorrufen. Darin wird die Trans-Gender Ideologie als einzige offizielle Kultur behandelt; und die Regierung schreibt den Journalisten nicht nur vor, was sie denken müssen, sondern auch welche Worte diesbezüglich zu verwenden sind. Eine detaillierte Betrachtung würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, aber der interessierte Leser kann diese entrüstenden «Leitlinien» leicht im Internet lesen: Es lohnt sich dieses Dokument genau zu analysieren, weil es auf exemplarische Art den neo-autoritären Dämon dieser Kultur aufzeigt.


Ähnlich unglaublich ist der Entscheid der EU, im Namen des Heiligtums Biodiversität die Rückkehr der Wölfe und der Bären in die Berggebiete der Union, auch ausserhalb der Nationalpärke zu fördern. Eine Entscheidung die ohne den Einbezug der Hirten- und Bergbauernvereinigungen gefällt wurde, die dazu eingeladen werden, mit dem Wolf und dem Bär zusammenzuleben. Wenn die «Grünen» (die meistens in den Städten wohnen) wollen, dass der Wolf zurückkehrt und zusammen mit den Hirten und Älplern lebt und sich ernährt, indem er ihre Schafe und Kälber reisst, kann ihnen das niemand verbieten. Wenn die Hirten und die Älpler es nicht verstehen, müssen sie einfach umerzogen werden. Dafür werden keine Ausgaben gescheut: Um die rasche Ausbreitung von Wölfen und Bären in den Alpen zu begünstigen und zu fördern, sowie um Hirten und Älpler für dieses Zusammenleben zu erziehen, hat die EU nicht gezögert, im Jahr 2013 über 6 Millionen Euro zu bewilligen.

Wäre es nicht an der Zeit, sich darüber im Klaren zu werden, dass bei den beschriebenen Vorgängen nicht nur das konkrete Problem betroffen ist, sondern dass es um die Erhaltung von Demokratie und Freiheit geht? Mobilisiert man keine Kräfte gegen diese Art der Entwicklung, besteht die Gefahr, dass die Zukunft so aussehen wird, wie es im vorausschauenden Roman von Robert Hugh Benson Der Herr der Welt aus dem Jahr 1907 beschrieben ist, welcher in der heutigen Zeit wieder aktuell zu sein scheint.

* Robi Ronza ist Journalist und Schriftsteller, Experte für internationale Angelegenheiten und Alpine Kulturen. Er wurde 1941 in Varese geboren. Er graduierte 1965 in Politikwissenschaft an der Katholischen Universität von Mailand. Er ist Experte für internationale Angelegenheiten, lokale Kulturen und institutionelle Probleme. Er arbeitete und arbeitet als Kommentator für internationale Angelegenheiten in italienischen und Schweizer Zeitungen. Als Sondergesandter der Wochenzeitschrift Il Sabato, reiste er viel und verfasste von 1978 bis 1982 Reportagen aus den Krisengebieten des Nahen und Mittleren Ostens, Südostasiens und Lateinamerikas. Von 1983 bis 1986 war er als Kommunikationsberater des Präsidenten der Handelskammer von Mailand Piero Bassetti tätig. Von 1986 bis 1999 war er beim Verlag Giorgio Mondadori Chefredaktor der Monatszeitschrift Bell'Italia, dann Direktor für Kommunikation und Koordination und zuletzt Direktor der Zeitschrift Men & Stories. Seit 2000 ist er Direktor eines Verlagsdienstleistungsunternehmens, seit 2005  in verschiedenen Positionen bei der Region Lombardia, ohne jedoch auf den Journalistenberuf zu verzichten. Er ist Direktor der Zeitschrift Confronti / Autonomia Lombarda: Die Ideen, die Fakten, Die Erfahrungen. Er war einer der Gründer des Meeting von Rimini, und war von 1989 bis 2005 dessen offizieller Sprecher.

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