Erklärung von Poschiavo für ein Berggebiet und eine Landschaft in Europa ohne Grossraubtiere

Bei einem Treffen in Le Prese, Valposchiavo zu welchem die Vereinigung «Lebensräume ohne Grossraubtiere» (ATsenzaGP/VLohneGR) eingeladen hatte, zeigten sich die unterzeichnenden Hirten, Bergbauern, Bewohner und Gäste und viele Experten im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereich der Bergregionen, besorgt über die Rückkehr der Grossraubtiere in die Alpen. Diese Rückkehr stellt nicht nur die Zukunft dieser Gebiete als Ort sportlicher und touristischer Aktivitäten in Frage, sondern vor allem den Lebensraum der Menschen, die hier seit jeher wohnen und arbeiten.

In Anlehnung an das Schreiben von AmAMont, (Verein Freunde der Alpwirtschaft und der Berggebiete im europäischen Alpenraum) an die Regierung des Kantons Graubünden vom 6. August 2012, und angeregt durch die Tatsache, dass auch andere grosse Organisationen zur Förderung und zum Schutz der Alpen und der ländlichen Gebiete Europas ähnliche Schlussfolgerungen ziehen, unter anderen:

  • die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB), in ihrem Positionspapier zum Wolf vom 21. Februar 2014,
  • die nationale Vereinigung der Landwirte, Coldiretti (Italien), mit ihrer Pressemitteilung unter dem Titel "Manifest Grossraubtiere, die EU vergisst die Landwirtschaft" vom 27. Februar 2014,
  • die Confédération paysanne, die Coordination Rurale, die Fédération Nationale Ovine, die FNSEA, die Jeunes Agriculteurs, die Eleveurs et Montagnes et des associations françaises de défense du pastoralisme und andere Verbände, welche in Frankreich alle zusammen die Vieh- und Schafzucht mit ihrer gemeinsamen Erklärung vom 5. März 2014 vertreten,


erklären die Unterzeichnenden, dass:

 im Unterschied zu den Zeiten, als die internationalen Vereinbarungen unterzeichnet und die Schutzpolitik festgelegt wurde, mit der Absicht die Ausrottung der Grossraubtiere in Europa zu verhindern, sind heute nicht mehr die Wölfe, die Bären und die Luchse vom Aussterben bedroht sind, sondern die Hirten und Bergbauern werden vertrieben;

die wahllose Rückkehr des Wolfes, sowie auch der Bären und anderer Grossraubtiere in die Berggebiete und in die europäischen Landregionen mit der Anwesenheit des Menschen unvereinbar ist und dass das gegenwärtige und zukünftige Leben der Menschen die dort wohnen und arbeiten, sowie die touristische Nutzung dieser Gebiete durch die Stadtbevölkerung dadurch beeinträchtigt werden;

die rechtliche und politische Durchsetzung – ohne den Willen der direkt betroffenen Bevölkerung zu berücksichtigen – einer Nachbarschaft der Grossraubtiere mit den Bewohnern im Berggebiet heute, und morgen dann wohl auch im Flachland, eine Anmassung der Staaten und der "Europäischen Union“ zu Ungunsten der betroffenen Bevölkerung ist. Dies wurde unter dem Druck der in dieser Richtung beeinflussten Bewohner der urbanen Gebiete erzwungen, welchen die  entsprechende Erfahrung fehlt und die auch nicht über ausreichende Informationen über die Realität des Zusammenlebens mit Grossraubtieren verfügen. Falls diese Bemühungen erfolgreich sein sollten, wären sie gleichbedeutend mit einer  Massnahme die Menschen aus den Alpen und dem Hochland zu vertreiben.

Sie verlangen daher mit Überzeugung:

  1. es soll grundsätzlich festgelegt werden, dass die Probleme, die wegen der Raubtiere für die Bergbauern entstehen, künftig nicht als Folgeerscheinungen der Programme zum Schutz der Raubtiere dargestellt werden. Vielmehr soll die Politik von Anfang an die unabdingbare Teilnahme von Vertretern der Bevölkerung und der direkt betroffenen Kreise garantieren, d.h. der Hirten, Landwirte und Züchter sowie von Experten ihres Vertrauens;
  2. die Berner Konvention zum Schutze der Grossraubtiere, insbesondere des Wolfes und des Bären, ist neu zu verhandeln, insbesondere Art. 22, damit die Unterzeichner-Staaten die Vorbehalte über die von der Konvention geschützten Arten nach ihrem Willen verändern und die entsprechende Reglementierung der effektiven Artenvielfalt realistisch anpassen können;
  3. das Manifest der EU-Kommission über die Grossraubtiere, das zurzeit in der Vernehmlassung ist, soll zurückgezogen und ein neuer Text erarbeitet werden mit dem aktiven Beitrag von Experten, die von den Organisationen der Bergbauern, Viehzüchter und Jäger bestimmt werden.
  4. die Angemessenheit der bestehenden Gesetzgebung im Allgemeinen und die geltende Umwelt-Politik auf allen Ebenen sollen mit dem aktiven Beitrag der von den Organisationen der Bergbauern, Viehzüchter und Jäger angegebenen Experten überprüft werden;
  5. die Staaten übernehmen die volle Verantwortung für die Einführung von Grossraubtieren in den Alpen, mit allen möglichen Nebenwirkungen, ohne sich auf den heute belanglosen Grundsatz des römischen Rechts zu stützen, wie es in der Schweiz zurzeit immer noch üblich ist: Die lebenden Grossraubtiere als "res nullius" zu klassifizieren. In der Tat kann der moderne Sachverhalt nur existieren, weil die Wildtiere von den Staaten geschützt und verwaltet werden und somit gemäss dem geltenden Zivilrecht für sie verantwortlich sind, so wie Halter von Haustieren für diese die Verantwortung tragen;
  6. nicht als entscheidende Lösung zu betrachten ist die Formel der Entschädigung der von Grossraubtieren verursachten Schäden durch die Versicherungen. Erstens bleiben die indirekten Schäden, welche öfters gravierender sind als die direkten, ungedeckt. Zweitens kann die zivilrechtliche Haftung der Europäischen Union (im Falle der teilhabenden Länder), der Staaten und andere involvierter Regierungsstellen, in der Tat nicht bestritten werden.




Poschiavo (Graubünden, Schweiz), 29. März 2014

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