In einem offenen Brief an den Bundesrat fordert der Bündner Bauernverband Geld für Schutzmassnahmen wie Herdenschutzhunde 

Sehr geehrte Frau Bundesrätin 
Sehr geehrte Damen und Herren

Der Bündner Bauernverband vertritt als Dachverband die Interessen von rund 2‘500 Landwirtschaftsbetrieben und rund 800 Alpbetrieben. Die im Kanton Graubünden gemachten Erfahrungen zeigen, dass die Wiederansiedlung von Grossraubtieren in der dicht besiedelten Schweiz und im durch die Landwirtschaft und den Tourismus genutzten Berggebiet zu praktisch unlösbaren Problemen führt. Die Tiere finden auch in unserem grossen Gebirgskanton keine genügend grossen, natürlichen Lebensräume mehr vor.


(Bild: Heidy Beyeler)

Die Einwanderung von Bären aus dem Trentino und insbesondere die Rudelbildung der Wölfe an Calanda verursachen bei den Landwirten und Nutztierhaltern Ängste, sehr viel zusätzliche Arbeit und Wut über die mangelhafte Unterstützung des BAFU. 

Die Tierhalter sehen ihre Tiere neuen Risiken und Gefahren ausgesetzt. Dabei werden von den Tierhaltern Toleranz gegenüber den Grossraubtieren und zusätzliche Leistungen bezüglich dem passiven und aktiven Schutz der Nutztiere abverlangt. Indem der Kanton Graubünden am Plantahof (Bildungs- und Beratungszentrum) ein Kompetenzzentrum Herdenschutz eingerichtet hat, hat er für die betroffenen Tierhalter eine Anlaufstelle geschaffen, die Beratung in der Herdenschutzplanung anbietet und die Tierhalter bei Rissen mit Sofortmassnahmen unterstützt.  ....... (lese weiter) .......

Aktuell ernährt sich Bär M25 im Unterengadin von Schafen. Im betroffenen Gebiet können die rund 350 Schafe aus topografischen Gründen nicht mit den von Ihnen geforderten Herdenschutzmassnahmen (Schutzhunde, Zäune, Hirt) geschützt werden. Um weitere Massaker zu verhindern, wurde die Schafalp in Vinadi wieder entladen. Die Tiere werden wenn möglich auf andere Alpen im Engadin verteilt oder auf dem Heimbetrieb gehalten. 


Diese Entwicklung ist auch aus Gründen der Landschaftspflege (Einwachsen) höchst bedenklich. Hinzu kommt, dass die Schafhalter keine Entschädigung für den Mehraufwand und den Nutzungsverzicht erhalten. 

Die Bevölkerung geht fälschlicherweise davon aus, dass mit dem neu in der Jagdverordnung verankerten Herdenschutz Lösungen für ein Zusammenleben von Nutztieren und Grossraubtieren geschaffen werden können. Dies ist jedoch ein Trugschluss, da der Herdenschutz lediglich einer „Feuerwehr“ gleichkommt, die löscht wenn es brennt, aber keinen Brand verhindern kann. 

Seit Februar warten Tierhalter, Alpmeister und Herdenschutzbeauftragte auf die von Ihnen versprochenen Richtlinien zur Umsetzung der Jagdverordnung. Wir erwarten Richtlinien, die festhalten, welche Herdenschutzmassnahmen in welchem Fall möglich sind und wie die Tierhalter für Zusatzaufwand, Ausfall der Alpung und Futterzukäufe entschädigt werden. 

Die Tierhalter müssen ungefragt eine erhebliche Leistung zugunsten der Allgemeinheit erbringen. Diese Leistungen sind durch die Gesellschaft abzugelten. Wobei die Gesellschaft solche Leistungen nur im Rahmen der Verhältnismässigkeit, der Zumutbarkeit und der Tragbarkeit von den Betroffenen verlangen darf. Dass Tierhalter mit dem Vorwurf konfrontiert werden, sie würden gegen die Tierschutzverordnung verstossen, weil sie Grossraubtierrisse in ihrer Herde nicht verhindert haben, ist eine unhaltbare Situation. 

Seit 10 Jahren betreiben vor allem die Schafhalter in Graubünden Herdenschutz und zusammen mit der landwirtschaftlichen Beratung am Plantahof haben die Beteiligten viel Pionierarbeit geleistet. Wir erwarten, dass diese Arbeit und Erfahrung in die zu erlassenden Richtlinien einfliessen. Folgende Punkte müssen unserer Ansicht nach geklärt werden:

  •  Die Änderungen der JSV reichen nicht aus, weil diese fast ausschliesslich auf den Herdenschutz mit Schutzhunden setzen. Neben dem Herdenschutz mit Schutzhunden sind auch andere Herdenschutzmassnahmen vorzusehen und voll zu entschädigen.
  •  Gemäss Art. 10ter, Abs. 4 soll der Herdenschutz in die landwirtschaftliche Beratung integriert werden, was der Überwälzung der Kosten des Herdenschutzes auf die Kantone und die Landwirtschaft gleichkommt. Diese Überwälzung wird abgelehnt. Für die Finanzierung des Herdenschutzes ist das BAFU zuständig.
  • Herdenschutz auch auf der Landwirtschaftlichen Nutzfläche (LN). Vor und nach der Alpung werden Schafe auf LN-Flächen gehalten. Der Schutz auf diesen Flächen ist ein Problem und gerade in den Bergzonen besteht eine grosse Gefahr, dass die kleinen Herden auf den Heimweiden von Grossraubtieren angegriffen werden. Handelsübliche Elektrozäune reichen nicht aus, sondern müssen mit zusätzlichen Massnahmen verstärkt und erweitert werden (ausreichend Stromspannung; Ausmähen; zusätzliche Litzen etc.).
  • Im neu geschaffenen Artikel 10quater werden Bestimmungen aufgeführt, welche für die vom BAFU geförderten Herdenschutzhunde gelten. Wir teilen die Meinung, dass nach heutigen Kenntnissen im Herdenschutz kein Weg an effizienten Herdenschutzhunden vorbei führt; Tatsache ist aber ebenfalls, dass in der Vergangenheit zahlreiche Konflikte rund um diese Hunde entstanden, bei denen in Einzelfällen gar Menschen gebissen wurden. Die Situation soll mit den Bestimmungen dieses Artikels verbessert werden, einerseits um Konflikte mit Menschen zu verringern, die diesen Hunden begegnen, andererseits auch um den Haltern dieser Hunde mehr Rechtssicherheit bei deren Einsatz zu geben, sowohl zivil- wie auch strafrechtlich. Dies ist wichtig, da die Landwirte Herdenschutzhunde als Nutzhunde in einer schwierigen Situation mit Grossraubtierpräsenz halten und nicht zum Vergnügen. Die Halter von Herdenschutzhunden sind zivil- und strafrechtlich besser vor Haftungsansprüchen Dritter zu schützen.
  • Nicht geregelt ist die Frage, was passiert, wenn der Kanton entscheidet, keine Herdenschutzhunde einzusetzen (z.B. in touristisch intensiven Gebieten) und es zu Schäden durch kommt Grossraubtiere kommt. Wird eine Abschussbewilligung erteilt, weil keine Schutzmassnahmen möglich sind? Wer entscheidet abschliessend, ob der Einsatz eines Herdenschutzhundes zumutbar und sinnvoll ist?

Schlussbemerkungen

Der BBV hält fest, dass die Präsenz von Wölfen und Bären in Graubünden für die Tierhalter und die Alpbewirtschafter eine riesige Herausforderung ist. Es wird auch in Zukunft zu Zwischenfällen und Konflikten kommen, die in der Öffentlichkeit teils sehr emotional ausgetragen werden und die dem Image des Berggebietes mehr schaden als nutzen.

Der BBV fordert in diesem Zusammenhang auch, dass die vom Bundesrat angenommene Motion Engler (Regulation Wolfsbestände) im Wolfskonzept Schweiz umgehend umgesetzt wird.

Der Bündner Bauernverband verlangt, dass sämtliche Aufwendungen und Kosten, die durch die Präsenz von Grossraubtieren  entstehen, durch Mittel des BAFU gedeckt werden müssen. Dazu gehören alle Herdenschutzmassnahmen sowie die daraus entstehenden Mehraufwände und Ertragsausfälle (infolge nicht mehr möglicher Nutzung) der Tierhalter und die Beratungsaufwendungen des Kantons. Die Gesellschaft muss für die Mehraufwendungen und Zusatzleistungen infolge der Raubtierpräsenz und der Schadenabwehr voll und transparent aufkommen.

Bündner Bauernverband

http://www.bauernzeitung.ch

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